Text: Simon Bleil / veröffentlicht am 06.05.2026 / Lesedauer ca. 7 Minuten
Lukas Zenk hat im Veranstaltungsdesign die Karten neu gemischt. Als Professor für Innovations- und Netzwerkforschung an der Donau-Universität Krems entwickelte er mit forschenden Kolleg:innen die Methode "Designing.Events". Ein hoch wissenschaftliches Kartenspiel, mit dem Veranstaltungsteams in wenigen Stunden wirkungsvolle Events entwickeln können. "So wie jeder ein Gericht zubereiten kann", wie Zenk in unserem Gespräch über Events als Mischung aus Wissenschaft und Kunst erklärt.
Ist eine gute Veranstaltung Wissenschaft?
Das Design, die Planung und Durchführung einer gelungenen Veranstaltung ist eine Mischung aus Kunst, Wissenschaft und Erfahrung. Kunst, weil kreative Elemente gefragt sind, nicht nur operative Umsetzung. Wissenschaft, weil sich systematisch analysieren lässt, welche Faktoren zu erfolgreichen Events beitragen. Und Erfahrung, weil man nur durch wiederholte Praxis herausfindet, was in welchem Kontext funktioniert. Auch wenn Veranstaltungen oft ähnliche Muster und Dramaturgien aufweisen, bleibt jede für sich einzigartig.
Kann jede:r eine Veranstaltung entwickeln?
Grundsätzlich ja – so wie jede:r ein Gericht zubereiten kann. Die Frage ist nur, ob man ein einfaches Butterbrot oder ein raffiniertes Menü erwartet. Veranstaltungen sind hochkomplexe soziale Systeme – ein Aspekt, der häufig unterschätzt wird. Wer versucht, diese Komplexität zu stark zu reduzieren, produziert womöglich ein technisch gut durchgeplantes Event, dem es jedoch an Lebendigkeit fehlt. Wer sie ignoriert, riskiert Chaos. Die Kunst liegt darin, sowohl klare Strukturen zu schaffen als auch Räume für Offenheit und echte Begegnung.
Mit Ihrer Methode Designing.Events soll das in ein paar Stunden gehen. Wie funktioniert das?
Unsere Methode basiert auf einem dreijährigen Forschungsprojekt, in dem wir untersucht haben, was Teilnehmende wirklich erwarten. Daraus haben wir neun zentrale Bedürfnisse identifiziert, die für die Planung relevant sind. Auf dieser Basis werden konkrete Gestaltungsmöglichkeiten entwickelt: Wie soll soziale Interaktion aussehen? Wie wird die räumliche Struktur gestaltet? Welche technische Unterstützung ist sinnvoll? Veranstaltungsteams werden so inspiriert und gleichzeitig befähigt, konkrete Designentscheidungen zu treffen. Am Ende entsteht spielerisch ein gemeinsames Veranstaltungskonzept, das direkt umgesetzt werden kann.
Hat der gute alte, aber inspirierende Vortrag noch irgendwo Platz?
Unbedingt – je nach Zielgruppe und Kontext. Wenn es um inspirierende Wissensvermittlung geht, kann ein engagierter Vortrag sehr wirkungsvoll sein. Dennoch ist die zentrale Frage: Welche Wirkung soll erzielt werden? Eine reine Abfolge von Vorträgen reicht selten aus, um nachhaltige Wirkung zu erzielen. Inhalte müssen reflektiert und in den eigenen Kontext integriert werden, sonst bleiben sie oberflächlich und werden schnell wieder vergessen.
Bei aller wissenschaftlichen Methodik: Was spricht gegen Improvisation?
Passenderweise habe ich auch ein Forschungsprojekt zur Improvisation geleitet. Improvisation bedeutet, professionell mit dem Unerwarteten umzugehen – und das ist bei Veranstaltungen immer notwendig. Denn Events sind keine Maschinen mit festgelegtem Ablauf, sondern entwickeln im Moment bestimmte Dynamiken. Das bedeutet: Das Grunddesign sollte durchdacht sein, aber innerhalb dieses Rahmens braucht es gezielt Platz für Spontaneität und Lebendigkeit. Ähnlich wie bei Jazz Improvisationen wird ein gemeinsamer Takt benötigt, was sich dann aber ergibt, ist im besten Fall ein ko-kreativer Akt aller Beteiligten.
Wie finde ich als Veranstalter:in heraus, was die Teilnehmenden überhaupt wollen?
Die oben erwähnten neun Faktoren geben eine gute erste Orientierung. Darüber hinaus empfehlen wir, bereits im Vorfeld mit potenziellen Teilnehmenden ins Gespräch zu gehen. Wir führen regelmäßig Interviews oder verschicken Fragebögen, um Erwartungen zu klären. Auch bei der Anmeldung kann abgefragt werden, worauf sie sich am meisten freuen. Am Ende geht es immer um eines: Ohne Teilnehmende gibt es keine Veranstaltung – ihre Bedürfnisse stehen im Zentrum.
Welche Rolle spielen dabei die Location und die Destination? Sind das völlig austauschbare Faktoren?
Nein, ganz im Gegenteil. Die Wahl von Location und Destination sollte sich am Zweck und Ziel der Veranstaltung orientieren. Jede Location bietet unterschiedliche Rahmenbedingungen – sei es hinsichtlich Atmosphäre, Infrastruktur oder Zugänglichkeit. Die Destination wiederum ermöglicht oft begleitende Programme, die sich ins Gesamtkonzept integrieren lassen. Bei einer Konferenz zum Thema Innovation sind wir etwa gemeinsam per Zug angereist – und haben die Veranstaltung bereits während der Fahrt eröffnet. Das hat perfekt zur Botschaft gepasst.
In Ihren Studien analysieren Sie, wie Menschen auf Veranstaltungen interagieren. Wie tickt der typische Gast?
Ein zentrales Anliegen vieler Teilnehmenden ist Networking. Trotzdem wird dafür oft kein geeigneter Rahmen geschaffen. Denn Menschen neigen dazu, zunächst mit ihnen bekannten oder ähnlichen Personen zu sprechen – sei es hinsichtlich Berufes, Sprache oder Alter. Dadurch bilden sich kleine, homogene Gruppen. Um wirklich neues, bereicherndes Networking zu ermöglichen, braucht es gezielte Formate: von passenden Raumkonzepten über bewusst initiierte Gespräche bis hin zu relevanten Informationen über andere Teilnehmende. Nur so entsteht echter Austausch.
Herzlichen Dank für das Gespräch!